Dieser Thread wird für Sappho Redbird eröffnet!
Das Leben ist kein Ponyhof..
Es war 27 Grad und ich hatte meine Lieblingsjeans und ein bequemes T-Shirt an. Ich wollte nicht ins Auto steigen, da ich keine Lust auf einen langweiligen Familienurlaub hatte. Mein Vater sagte: „Los Lisa! Auch du kommst mit! Ich dachte du wolltest auch auf einen Ponyhof!“ Genau, Ponyhof. Ich hasste Pferde. Ganz besonders die kleinen Kinder die auf so einem Hof immer rumliefen. Aber ich hatte versprochen, dass ich mindestens 4 Reitstunden nehme. Ich wusste zwar nicht, wieso ich damals zugestimmt hatte, wahrscheinlich hatte meine Schwester so lange gebettelt, bis ich zusagte. Das war für mich die Hölle auf Erden. Selbst wenn ich Ponys anschaute, bekam ich schon Panik. Doch ich würde stark sein und 4 Reitstunden nehmen, Aber auch nicht mehr.
„Lisa! Ich hab dich gerufen!! Kommst du? Wir sind spät dran und ich habe keine Lust während der Rushhour loszufahren!" rief mein Vater.
„Ja, einen Moment noch, ich muss meinen iPod suchen! Ah, hier ist er ja."
Frustriert stieg ich ins Auto und drehte die Musik auf. Jetzt dröhnte mir P!NK ins Ohr, und zwar so laut das meine Schwester, sie war eins der Kinder die Pferde über alles liebten und ihr ganzes ich Zimmer mit Wendypostern tapezieren, sich beschwerte: „Mach das leiser! Ich will meine Musik hören!" wie ich diese Nervensäge hasste. Irgendwann als P!NK gerade sang:"please don't leave me!" schlief ich ein.
Ich stand auf einer schönen Wiese, und zu meinen Füßen lag eine rote Orchidee. Ich hob sie auf und roch daran. Wie süß das roch! So einen Geruch kannte ich nur aus der Parfümerie. Ich hörte wie jemand sang. Es hörte sich so an, als säße ein Mann an einem Klavier und sang mit zuckersüßer Stimme über seine Probleme. Leider verstand ich die Sprache nicht. Ich ging auf die Stimme zu. Der Flügel stand mitten in einem Orchideenmeer. Leider sah ich nur einen Rücken, einen wunderschönen Rücken, blieb stehen und lauschte dem Lied. Es war so schön, dass ich zu weinen anfing. Es erinnerte mich an meinen Musikunterricht, wo wir mal irgendwann Balladen durchgenommen hatten. Dies war bloß noch schöner und noch trauriger.
„Lisa! Wir sind da!!" rief Judith, meine Schwester, aufgeregt. Na toll. Jetzt würde ich nie herausfinden wer der geheimnisvolle Typ aus meinen Traum war. Natürlich freute sie sich, dass wir auf einen Ponyhof fuhren. Und ich musste auch noch ein Zimmer mit ihr teilen.
„ja... Ähm.. Kann ich meine Sachen einräumen und dann ein bisschen draußen telefonieren?" fragte ich verschlafen. Ich wollte meiner besten Freundin unbedingt von diesem Traum erzählen. Sie war ein totaler ‚Ich-kann-deine-Träume-deuten-und-dir-die-Zukunft-sagen-Typ‘.
„Nein. Wir räumen die Sachen ein und machen dann einen Spaziergang", antwortete meine Mutter. Von wegen Ferien sind zum ausruhen, man muss was mit der Familie machen. Ich schmollte, gab aber keinen wiederlaut. Ich wollte mir die Ferien nicht schon am Anfang versauen. Während dem Spaziergang lernte ich dann, woran man einzelne Kräuter erkennt und wie man sie am besten zubereitet. Aber eins lernte ich auch: ich Summe nie wieder ein klassisches Lied, dass meine Eltern nicht kennen, und ich es aus einem Traum kenne. Sie dachten sofort, ich hätte es komponiert. Und dann musste ich ihnen auch noch erklären, dass ich das nicht komponiert hatte. Ich sagte einfach spiele das gerade im Unterricht. Aber die Melodie von dem Mann mit dem schönen Rücken ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Wir waren um 8 Uhr wieder zuhause und ich fix und foxi.
Ich ging in mein Zimmer und musste wieder schockiert feststellen, dass ich zwei Wochen keine Privatsphäre haben werde, da ich mir mit Judith ein Zimmer teilte. Ich legte mich in mein Bett und schrieb zwei SMS an meine beste Freundin, Gwyn.
Hei Schatzi
Hatte nen totalen freaktraum. War auf ner wiese mit ne Mann müssen telen
Hdgdl
lisa
Die Antwort las ich an diesem Abend nicht mehr da ich sofort einschlief, in der Hoffnung den schönen Rücken wiederzusehen.
Diesmal war ich auf derselben Wiese. Doch diesmal lag keine Orchidee vor meinen Füßen, sondern ein toter Vogel. Erst erkannte ich es gar nicht, doch dann fiel mir auf, dass jemand ihm das Herz rausgenommen hatte. Allein das hätte mich normalerweise dazu gebracht schreiend wegzulaufen. Doch ich blieb leise stehen, und lauschte dem Soundtrack dieses Traumes. Es war dieselbe stimme, dasselbe Klavier. Doch diesmal war es keine traurige Ballade sondern ein flottes Rock Lied. Und diesmal sang er auch in Deutsch, sodass ich den Text verstand. Es passte überhaupt nicht in diese Umgebung. Soweit ich verstand sang der schöne rücken von Freiheit und Glück. Das war das erste Mal wo ich Ekel in diesem Traum fühlte. Wie konnte man von Glück reden, wenn da tote Vögel liegen?? Ich sah mich um und sah eine Linie aus toten Hühnern, alle blutüberströmt und, dachte ich auf jeden Fall, das Herz rausgerissen. Fasziniert ging ich auf sie zu. Es waren mindestens 100 Hühner, alle säuberlich aufgereiht. Ich ging an ihnen vorbei, fasziniert und angewidert zugleich. Am Ende der Reihe wurde die Musik lauter. Ich schloss die Augen und folgte der Musik. Als sie so laut war, als würde ich direkt neben dem Flügel stehen, öffnete ich meinen Augen. Ich stand wieder hinter dem Mann. Er sang laut und fröhlich, als würde er die toten Hühner nicht bemerken. Langsam und leise ging ich um den Flügel entlang, in der Hoffnung das Gesicht von dem Mann zu sehen, der so schön singen konnte. Es war derselbe Mann der auch in meinem letzten Traum die Musik spielte. Er war groß, größer als meinen 1 Meter 70. Er hatte schöne blonde Haare. Nur sein Gesicht konnte ich nicht sehen, da er mit dem Kopf zu den Tasten gebeugt sang. Er schlug den letzten Ton von dem Lied an, und ich wachte auf.
„Komisch", dachte ich, da ich während des Traumes zwar Faszination und Ekel empfunden hatte, aber keine Angst. Ich stand auf und schaute auf meinen iPod. Das war ein Reflex. Ich hatte zwar eine Armbanduhr, aber auf die schaute ich nur, wenn ich wirklich wach war. Es war 5 Uhr morgens. Da ich jetzt schon mal wach war, stand ich auf, duschte und ging nach draußen. Vorher musste ich aber meinen Eltern einen Zettel schreiben, wo ich war.
Guten Morgen!
Ich bin draußen und kundschafte mal die Gegend aus.
Bin so gegen 11 zurück..
Lisa
Als ich draußen war, sah ich einen schönen kleinen Wald mit vielen Bäumen. Ich ging hinein, da ich aus unserer Großstadt keine natürlichen Wälder kannte. Auf dem Boden sah ich viele Pilze. Ich war mir nicht sicher ob sie essbar waren, also machte ich nur ein Foto und ging weiter. Der Wald war Wunderschön. Leise schlich ich mich an Hasen und Vögeln vorbei, bis ich zur einen großen Lichtung kam. Sie war fast kreisrund und sah so aus als wäre sie seit Jahrhunderten nicht betreten worden. Fast andächtig Schritt ich auf das Blumenmeer. Es waren alles bunte, große Blumen. So stand ich ungefähr eine Minute mit offenem Mund und beobachtete das schönste was ich je gesehen habe. Die Lichtung erinnerte mich an etwas, doch ich kam nicht darauf auf was. Ich nahm meine Kamera aus meinem Rucksack. Da der Akku fast leer war, machte ich schnell ein paar Fotos der atemberaubenden Wiese. Vielleicht würde es mir später wieder einfallen, woher ich sie kannte. Ich schaute auf meine Armbanduhr. Es war halb neun. Ich war jetzt nun seit 3 1/2 Stunden in diesem Wald. Ich drehte um und versuchte mich zu erinnern wie ich hier hingekommen bin. Langsam viel es mir ein und vorsichtig ging ich an einem alt aussehendem Baum vorbei. Als ich den Wald verlies war es viertel nach neun. Meine Eltern würden erst um 10 Uhr aufstehen, meine Schwester war wahrscheinlich schon wach, lag aber noch im Bett und spielte. Das hieß, ich hatte noch eine gute Stunde, in der ich den Hof erkundschaften konnte, wo nach nicht so viel kleine Kinder darum liefen. Um beschäftigt auszusehen, steckte ich mir meine Kopfhörer in meine Ohren und hörte P!NK. Um die Ställe machte ich einen großen Bogen, da ich noch keine nerven für Pferde hatte. Eigentlich hatte ich nie Bock auf Pferde, aber mit dieser Lüge konnte ich mich gut täuschen. Auf der Koppel war nichts los, also ging ich auf den Zaun zu, setzte mich auf ihn und holte mein Handy raus. Gwen hatte mir geantwortet.
Noch gehts mir gut.
Du arme!! Ich drück dir Daumen dass du iwen findest, den du magst!!
Hdgdl gwen
ich hörte Musik und war so in sie versunken, dass ich erst bemerkte, dass jemand auf mich zukommt, als dieser jemand schon vor mir stand. Der jemand war groß, blond und trug seine Haare kurz, aber nicht in dem üblichem Schnitt, Sondern einen ganz eigen Stil, genauso wie seine Klamotten.
„Hi! Du bist neu hier, oder? Ich heiße Mike."
„Ja, ich bin neu. Moin Mike! Ich heiße Lisa. Wie lange bist du schon hier?" Oh, mein Gott, das hörte sich an wie ein alte-Leute-wiedersehen. Ich wünschte ich könnte irgendetwas Schlaues sagen. Aber wie immer redete ich erst und dachte dann nach.
„Ich? Seit, uhm, 10 Jahren", sagte er lachend. Wie konnte mir das nur nicht aufgefallen sein? Er hatte eine Reitkappe in der Hand und irgendetwas Langes, schwarzes in der anderen. Ich beschloss Small-Talk zu betreiben.
„Ups... Stimmt. Kannst du gut reiten?" fragte ich und stieg von dem Zaun runter.
„Sollte ich wenn ich Reitunterricht gebe, oder?" wir gingen langsam zu den Ställen. In was bin ich darein geraten? Panisch blieb ich stehen.
„Uhm, muss ich da mit rein? Ich meine, was hast du darin vor?" die Angst musste sehr deutlich zu hören gewesen sein, da Mike mich anlächelte.
„Hast du etwa Angst? Wieso bist du dann ausgerechnet auf einen Ponyhof gefahren?" aber es klang nicht vorwurfsvoll sondern eher amüsiert.
„Ähm... Ein kleines bisschen", gab ich zu. "und nicht ich hab mir diesen Urlaub ausgesucht, sondern meine Eltern und meine Schwester! Wenn es nach mir gegangen wäre, wären wir in ein schönes Hotel auf Mallorca gefahren!" naja, das war jetzt schon selbstbewusster. Etwas zu selbstbewusst.
„Komm mit", sagte Mike sanft und nahm meine Hand. Auf einmal wurde mir total warm. „Pferde sind eigentlich total sensibel. Sie hätten eher Angst vor dir, als du vor ihnen. Ich zeig dir mein Lieblingspferd. Sie heißt Senola. Komischer Name, ich weiß. Aber ich durfte sie einreiten. Und deswegen habe ich eine starke Bindung mit ihr. Willst du mit reinkommen, oder soll ich sie rausholen?", fragte er.
„Rausholen wär mir lieber", gestand ich. Er drückte meine Hand noch einmal, ließ sie dann los und ging zu den Pferden. Ich wollte umdrehen und wegrennen, am liebsten schreiend, doch meine Beine fühlten sich an wie am Boden festgeklebt.
Gefühlte 20 Minuten kam Mike raus und mit ihm das schönste Pferd, was ich je gesehen habe. Dies war aber auch nicht schwer, da ich im Leben ungefähr 20 Ponys gesehen hatte.
„Okay.. Lisa, richtig? Sorry, ich vergess Namen immer so schnell. So. Ähm, komm mal langsam her. Nimm dir ruhig Zeit. One step at Time." Oh. Mein. Gott. Ich sollte jetzt ernsthaft auf ein Pferd zugehen? Das meinte er doch nicht ernst?! Aber ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und ging auf Senola zu. Sie war ein schönes, großes Pferd mit glänzendem schwarzem Fell.
„Wow", sagte ich beeindruckt. Eigentlich hätte ich Angst haben müssen, aber ich ging ganz langsam auf Senola zu. Als ich da war, sah ich ihr in ihre klugen, tiefen Augen. Ich vergaß meine Angst und streichelte ihre Schnauze, oder wie man das auch nennt.
„Na, wie fühlst du dich?", fragte Mike mit weicher Stimme.
„Großartig! Ich hätte nie gedacht, dass ich mir so etwas Mal traue!", rief ich begeistert und warf mich in seine Arme. Ich sagte danke und stellte fest, dass ich ihn gerade umarmte.
Schnell nahm ich die Arme von seinen Schultern und wurde rot.
„Sorry... Das, ähm, wird nicht wieder vorkommen", nuschelte ich und starrte auf meine Chucks.
„Schon in Ordnung!", lachte er und strich sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht. "Wo sind eigentlich deine Eltern? Ich meine, du bist doch mit deinen Eltern hier oder haben dich deine Freundinnen auf deinen Albtraum mitgenommen?"
„Eigentlich war das jetzt kein Albtraum mehr", dachte ich. "Nein schon richtig, mit meinen Eltern. Ich glaube die schlafen noch", ich schaute auf meine Armbanduhr. "Scheiße! Es ist elf! Die sind schon auf! Ähm ich muss dann mal los! Seh‘n wir uns morgen wieder? Um 6? Da bin ich garantiert schon wach!" ich winkte zum Abschied und sah noch wie er nickte, dann aber komisch schaute. Dann drehte ich mich um und rannte zu unserer Ferienwohnung.
„Verdammte Kacke!! Ich hatte versprochen um 10 wieder da zu sein!", dachte ich und rannte noch schneller. Irgendwie war die Zeit mit Mike dich schneller vergangen als ich gedacht hatte. Und Senola war einfach wunderschön.
Als ich endlich da war, klingelte ich und hoffte keine Standpauke zu bekommen.
„Was, bist du schon da? Ich dachte du wolltest draußen bleiben?", begrüßte mich mein nicht grad sehr ausgeschlafener Vater. Anscheinend war es doch früher als ich gedacht hatte. Ich ging an meinem Pa vorbei und schaute auf die Küchenuhr, danach auf meine Armbanduhr. Ups, anscheinend ging meine Uhr zwei Stunden vor. Es war erst 9 Uhr.
„Ja, ich wollte eben nur was trinken und mein Schlüssel mitnehmen. Soll ich Brötchen holen?", log ich drauf los. Ich war eine ausgezeichnete Lügnerin, weshalb mir mein Vater das mit dem trinken glaubte. Ich überlegte fieberhaft, ob ich zurück zu Mike gehen sollte oder ihn im glauben lassen sollte ich wär wirklich noch bei meinen Eltern. Währenddessen trank ich mein Glass Milch und suchte meinen Schlüssel. Als ich draußen war, war ich bei dem Beschluss angekommen, zu Mike zugehen, und ihm beim reiten zuzusehen. Also ging ich zurück zu den Ställen und suchte nach ihm. Ich fand ihm auf dem Rücken von Senola und wie er ritt. Er hatte nicht übertrieben, als er sagte er könne gut reiten. Ich sah im Moment nur von hinten, worüber ich sehr froh war, weil ich ihn so anstarren konnte, ohne dass er mich sehen konnte. Sein Rücken kam mir bekannt vor. Ich überlegte, und kam darauf, dass er eine ganz kleine Ähnlichkeit mit dem wunderschönen Rücken in meinem Traum hatte, da die Gemeinsamkeit aber so klein war, vergaß ich diese Idee wieder. Ich schaute gerade wieder zu Mike, als er sich umdrehte. Er lächelte, schaute aber ins Leere. Ich winkte ihm zu, und er winkte zurück. Ich konnte aber nicht deuten, ob das Lächeln größer geworden war, oder kleiner.
„Ich dachte du musst zu deinen Eltern?", begrüßte er mich.
„‘tschuldigung", murmelte ich "meine Uhr geht zwei Stunden vor. Wenn du willst kann ich dir helfen", sagte ich, da er gerade dabei war, den Sattel von Senola abzunehmen.
„Gerne doch, aber dann müsstest du zu den Pferden und dem Albtraum will ich dir nicht antun. Also. Ähm.. Wartest du eben und ich bring den Sattel weg und hol das Putzzeug?", fragte er mich. Mich wunderte, dass er meine Pferdeangst behalten hatte, meinen Namen letztes Mal aber nicht. Wieso denn das? Oder wollte er einfach nur flirten? Ich hoffte, er war nicht so ein Macho der alle Mädchen nur wegen ihres Aussehens wollte. Da würde ich eh nicht in das Schema reinpassen. Ich wartete geduldig und streichelte Senola. Irgendwie war das Komisch. Vor ihr hatte ich keine Angst, aber ich wollte nicht in einen Pferdestall gehen. Anscheinend hatte der Unfall vor 10 Jahren mehr Auswirkung auf die Gegenwart, als ich gedacht hatte. Damals wollte ich ein Pferd striegeln. Ich war eins der kleinen, Pferdeverrückten Mädchen gewesen, die ich jetzt so hasste. Ich wollte also ein Pferd striegeln und dann ist mir die Bürste runtergefallen. Ich hatte sie aufgehoben. Und da hatte das Pferd anscheinend das dringende Bedürfnis einen Meter nach vorne zu gehen. Ich schrie eine halbe Stunde, weil dieses verdammte Pferd mir die rechte Hand und den Unterarmknochen gebrochen hatte. Aber Senola sah nicht so aus, als würde sie mir die Hand zerschmettern.
„So, da wäre ich", sprach eine blaue Box mit mir. Unter der Box sah ich zwei Hände hervor blitzen, und neben ihr Miles Kopf. Das ganze Bild sah so witzig aus, dass ich lautstark anfing zu lachen.
„Was‘n los?", fragte die Box überrascht.
„Nichts, das sah grad nur so komisch aus, als hätte grad die Box mit mir gesprochen. Und, naja..... Da musst ich einfach lachen." Irgendwie hatte ich das Gefühl, ich müsse mich entschuldigen. Wahrscheinlich weil er so... So... Verletzlich aussah.
„Hey, sieht aus als mag Senola dich. Du sie anscheinend auch." Erst mit diesem Satz wurde mit bewusst, dass ich die wunderschöne Stute immer noch streichelte.
„Ja, sie sieht gar nicht so aus als würde sie nicht...“, Ich stockte und überlegte, ob ich ihm das mit meiner Hand sagen sollte, oder es einfach lassen sollte. Ich entschied mich für das letztere, da ich ihm nicht genug vertraute.
"Ach, ist auch egal. Soll ich dir irgendwie helfen, solange dir zwei sehr linke Hände helfen können?" ich versuchte das Thema zu wechseln, ohne sein fragendes Gesicht zu beachten.
„klar... Öhm.. Nimm dir das hier und geh damit in kleinen Kreisen über das Fell. Aber nur bis zu den Beinen. Ungefähr so." er machte die Bewegung mit der roten Bürste. Sie sah komisch aus: Oval und in vier Kreise angeordnete, abgerundete Nippen. Ich machte das nach, was Mike mir vorhin gezeigt hatte. Staub und ein paar kurze Haare fielen auf den Boden. Als ich fertig war, war das Fell total strubblig.
„Und das muss so?", Fragte ich, während er die Hufe sauber machte. Mein Gott, wie viel Dreck auf dem Boden lag!
„Ja, sieht dich gut aus! Jetzt nimmst Fu diese Bürste und bürstest in Felltrichtung. Wenn du fertig bist, sollte das Fell schön glänzen. Erst jetzt fiel mir auf, dass in der Kiste mehrere verschiedene Bürsten lagen.
„Und das braucht man alles um ein Pferd sauberzumachen??" ich war ziemlich verdutzt, da dort drin Bürsten verschiedener Farben und Größen waren.
„Nein, nicht alles. Das meiste ist dafür, wenn du aufm Turnier reitest. Da brauchst du mehr. Aber schau mal: Senola ist sauber. Und du das Gegenteil." er lachte, als ich verwundert an mir runter schaute. Ich war voller Pferdehaare, er jedoch war völlig Makellos. Ich beruhigte mich der Entschuldigung, er habe sich nicht um das Fell gekümmert.
„Ja. Und? Wie spät ist es eigentlich?", fragte ich, da ich noch keine Zeit gehabt habe, meine Armbanduhr nachzustellen. Mit war es natürlich peinlich, dass ich es nicht mal schaffte ein Pferd zu bürsten, ohne mich schmutzig zu machen. Schließlich hatte ich es früher auch geschafft. Ich versuchte dieses winzige, schmutzige Detail mit der Frage nach der Zeit zu überspielen. Mike schaute auf die Uhr.
„Es ist Warte 10 nach 10. Du hast also noch 40 Minuten. Welche Ferienwohnung hast du eigentlich?“
Ich musste kurz überlegen. „1A“, sagte ich schließlich. Da ich mir nicht sicher war, fügte ich noch hinzu: „Glaub ich auf jeden Fall.“ In der Zwischenzeit hatte Mike die ganzen Bürsten weggeräumt und fragte mich, ob ich mit in die Ställe kommen möchte. Um genau zu sein fragte er nicht sondern ging einfach und nickte mit dem Kopf in Richtung Stall. Ich dachte nicht nach, sondern ging einfach mit. Wir redeten über unsere Familien. Nachdem wir Senola in den Stall gebracht hatten (ich weiß nicht wie ich das geschafft habe), war ich um einiges schlauer. Er hatte keine Geschwister (man, hat der Typ ein Glück!), war schon 17 und ritt seit 10 Jahren. Letzteres wusste ich zwar schon, es war aber einfach schön seine tiefe Stimme zu hören. Wir redeten noch ein bisschen über Gott und die Welt, bis ich schließlich mein Wecker klingelte. Ich war so in seine tiefen, blauen Augen vertieft, dass ich den Song von P!NK erst gar nicht bemerkte, bis er sagte: „Sober? Du hörst P!NK? Cool, ich auch.“
„Ups, das ähm ist mein Wecker. Ich muss los. Wann sehn wir uns wieder?“ Mein Wecker war in meinem IPod, der die richtige Uhrzeit hatte, im Gegensatz zu meiner Armbanduhr. Ich hoffte er sagte noch heute oder so was, bekam aber nicht die erhoffte Antwort.
„Morgen erst. Ich muss noch zur Schule.“
„Jetzt noch? Es ist fast 11!“, rief ich lachend.
„Berufsbildende Schule. Ich hab montags immer erst ab 12. Dann aber auch bis acht. Bis dann!"
„Tschau!“ Ich versuchte meine Enttäuschung zu verbergen. Ich hoffte mein Pokerface hielt stand, während ich ihm zum Abschied winkte.
Ich schlenderte langsam zu der Ferienwohnung. Auf dem Weg dorthin holte ich die Brötchen vom Bäcker ab. Als ich endlich bei der Ferienwohnung war, war es schon viertel nach elf.
„Erst zu früh, dann zu spät.“ Meine Mutter saß kopfschüttelnd am Tisch, genauso wie meine Schwester und Judith.
„Hey, kann ich doch nichts dafür, wenn beim Bäcker die Brötchen noch nicht fertig sind“, nuschelte ich als Antwort.
Der wenige Schlaf fing schon an, an mir zu nagen. Ich brauchte jetzt unbedingt einen großen Milchkaffee.
„Hast du schon die Pferde gesehen? Ich will heute unbedingt reiten, Mama! Ihr könnt meinetwegen irgendwo hinfahren, ich bleib aber hier.“ Meine Schwester. So früh morgens begeistert zu sein, bringt bei meiner Mutter gar nichts. (Ihr früh. Ich war ja schon seit sechs Stunden auf war.) Ich hatte nur meine müde Phase und würde bald wieder fit sein, wie die letzten fünf Stunden.
„Hast du was beim spazieren entdeckt?“, wollte meine Mutter wissen. Ich brachte die gewünschte Antwort, was von meiner Schwester mit einem bösen Blick quittiert wurde.
„Jep. Hier gibt’s einen Wald mit vielen, großen Bäumen, Ich hab ‘nen paar Fotos gemacht kann ich euch bei Gelegenheit mal zeigen.“ Ich nahm einen großen Schluck Kaffee. „Ich war auch schon auf der Koppel. Judith, die Pferde sind was für dich. Und ihr könntet auch mal reiten!“ Letzteres war an meine Eltern gerichtet, weil ich wusste, dass sie in diesen Ferien sich in die Sonne legen wollten und definitiv nicht reiten konnten, und es auch nicht lernen wollten. Wir besprachen, was wir heute machen wollten. Von Judith kam natürlich reiten und meine Eltern wollten auf dem Hof bleiben. Ich sagte nur, ich will lesen, das hieß ich verzieh mich in eine ruhige Ecke und hör Musik und lese.
Nach dem Essen nahm ich mir mein Buch, meinen IPod und eine Decke und verabschiedete mich von dem Rest der Familie. Ich überlegte, wo mein zufluchtsort für die nächsten 10 Tage sein soll und entschied mich für den Heuboden. Die Decke legte ich inmitten von einem großen Ballen. Da ich grad keine Lust hatte etwas zu lesen, nahm ich mir meinen IPod und hörte Musik. Ich legte mich hin und lag einfach nur da. Hände hinterm Kopf, der Blick nach oben gerichtet. Irgendwann schlief ich ein.
Dieses Mal träumte ich von einem Augenblick, der mir für immer ins Hirn gebrannt sein würde: mein Unfall. Ich striegelte ein weißes Pony, bis mir die Bürste aus der Hand fiel. Die ganze Zeit redete ich mit dem Pony und meine Mutter sah mir zu. Ich bückte mich, um die Bürste aufzuheben. Dann geschah es. Dieses Pony trat einfach einen Schritt nach vorne. Ich schrie, und meine Mutter musste das Pony von meiner Hand holen. Dann war alles schwarz. Als nächstes sah ich mich in einem Krankenwagen. Meine Mutter hielt meine Gesunde Hand. Ein Arzt befühlte meine andere. Ich sah mich nur meine Augen vor Schmerz verdrehen, dann wachte ich auf.
Eigentlich hätte ich den Traum zur Auffrischung meiner Gedanken gar nicht gebraucht. Ich konnte mich so immer noch an jedes Detail erinnern. Jedes verdammte Detail, wieso ich Angst vor Pferden hatte. Ich schaute auf meine Uhr, die ich vorhin noch eingestellt hatte. Es war Nachmittag. Ich setzte mich hin und nahm mir mein Buch und las ein bisschen. Um halb vier stand ich auf und klopfte mir das Heu aus den Sachen. So langsam musste ich auch mal was mit meiner Familie machen. Und sei es Judith beim reiten zuzusehen.

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